Der mobile Wahnsinn

Noch nie war die Menschheit so viel unterwegs wie heute. So schön es ist, dass die Welt zum Dorf wird, so gravierend sind die Folgen für die Umwelt.

Wer abends gegen 18 Uhr auf der Autobahn von Norden nach München fährt, bekommt ein Verkehrsschauspiel der besonderen Art geboten: Der Autoverkehr zieht sich mit roten Rücklichtern auf fünf Fahrspuren wie ein Lindwurm bis in die Stadt, auf gleicher Breite kriecht ein Strom weißer Scheinwerfer zurück aufs Land. Auf der Brücke darüber kreuzt von rechts die S-Bahn, in Gegenrichtung rast der ICE vorbei. Und zwei Flugzeuge heben kurz hintereinander donnernd vom nahen Airport ab. Hinten am Horizont leuchtet die Alpenkette in ihrer ganzen Schönheit in der Abendsonne – aber das geht in dem Verkehrsspektakel fast völlig unter.

Nicht nur Bewohner von Großstädten merken, dass der Verkehr zunimmt. Auch in Klein- und Mittelstädten wird es auf den Straßen immer enger. Das belegen Statistiken: Der Personenverkehr in der EU hat seit 1990 um ein Drittel zugelegt und soll laut Prognosen bis 2030 um noch einmal so viel wachsen.

Auf weit größere Steigerungsraten sollen Güter-, Schiffs- und Flugverkehr kommen. Mehr Verkehr heißt zwangsläufig auch mehr Klima- und Umweltbelastung. Schon heute steuert der Verkehr fast ein Viertel des weltweiten CO2-Ausstoßes bei. Dazu kommen Gigatonnen an Luftschadstoffen wie Stickoxid, Schwefeldioxid, Kohlenwasserstoff, Ruß, Kohlenmonoxid und was Verbrennungsmotoren sonst noch von sich geben.

Schiffe ohne Rußfilter

Während Kraftfahrzeuge mittels Technik und strenger Umweltrichtlinien immer sauberer werden, schleudern Flugzeuge ihre Schadstoffe direkt in die sensible Atmosphäre. Schiffe fahren sogar fast ausnahmslos ohne Katalysatoren oder Rußfilter. Der Naturschutzbund Deutschland hat ausgerechnet: Ein einziges modernes Kreuzfahrtschiff bläst täglich rund 450 Kilogramm Rußpartikel, 5250 Kilogramm Stickoxide und 7500 Kilogramm Schwefeldioxide in die Luft.

Auch die Handelsflotte macht nicht gerade mit saubere Luft von sich reden: Allein der Seetransport eines Fahrzeugs von Emden in die USA verursacht rund fünfmal so viel Stickoxid wie das Auto während eines 300 000 Kilometer langen Lebens. Und es fahren immer mehr Dreckschleudern auf hoher See: Bis 2030 wird der Schiffsverkehr um 60 Prozent und dessen CO2-Ausstoß um bis zu 72 Prozent zunehmen, schätzt die International Maritime Organization.

Klimakiller Luftverkehr

In der Luft ist Ähnliches zu erwarten: Jede Sekunde landet irgendwo auf der Welt ein Flugzeug, und in den nächsten 14 Jahren könnte sich die Zahl der Maschinen laut einer Marktprognose des Flugzeugherstellers Airbus nochmals verdoppeln. Dabei verursacht schon ein einziger Langstreckenflug so viel CO2 wie ein Jahr lang Auto fahren. Ein Kreuzfahrturlauber
mag da an seinen CO2-Fußabdruck lieber erst gar nicht denken.
An Land kosten Staus und Parkplatzmangel Zeit, Geld und Nerven und verschmutzen sinnlos die Umwelt. Allein für Deutschland berechnet das Beratungsunternehmen Frost & Sullivan die volkswirtschaftlichen Kosten der Staus auf jährlich 17 Milliarden Euro. Deshalb werden auch Straßen-, U- und Eisenbahnnetze weltweit ausgebaut. Der globale Handel kennt ebenfalls keine Grenzen, der Warenverkehr bricht alle Rekorde und soll bis 2030 um mehr als ein Drittel wachsen.

Die Entwicklung geht weiter

2050 werden rund 9,5 Milliarden Menschen auf der Erde leben, davon gut 6,5 Milliarden in urbanen Zentren – heute sind es erst 3,5 Milliarden Städter. Treten die Prognosen ein, könnten die CO2-Emissionen des weltweiten Verkehrs laut Berechnungen der Internationalen Energieagentur bis 2050 um fast 90 Prozent auf 14,9 Gigatonnen steigen.
Von Ökostrom gespeiste Elektroautos, emissionsarme Motoren für Biosprit sowie hocheffiziente und stark vernetzte Verkehrssysteme sind ein Teil der Lösung. Auch Flugzeuge, ihre Antriebe sowie der gesamte Flugbetrieb müssen verbessert werden und möglichst viele Maschinen mit Biokerosin abheben. Immerhin will die International Air Transport Association damit ab 2020 ein CO2-neutrales Verkehrswachstum ermöglichen und die Emissionen im Jahr 2050 gegenüber 2005 halbiert haben.
Die Einstellung zu Auto und Verkehr ändert sich gerade. Auf der Wunschliste junger Menschen in den Großstädten rangiert ein eigenes Auto heute ganz weit hinten. Zu Fuß, mit dem Rad, öffentlichem Nahverkehr und Carsharing von A nach B zu kommen, ist nicht nur für Hipster völlig normal.

Hoffnungsträger Elektromobilität

In Deutschland soll die Elektromobilität nun auf Touren kommen: Mehr Ladestationen werden eingerichtet und 400 000 Elektroautokäufer können sich über eine Kaufprämie von 4000 Euro freuen. Eigentlich ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn noch fahren hierzulande mehr als 44 Millionen Kraftfahrzeuge mit herkömmlichem Treibstoff. Andere Länder sind weit konsequenter: Norwegen und die Niederlande planen den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor, ab 2025 sollen nur noch Elektroautos neu zugelassen werden. Und Indien will bis 2030 seinen Autoverkehr sogar komplett auf E-Fahrzeuge umrüsten.

Ob sich der Wunsch nach Mobilität irgendwann wieder legt, weiß niemand. Vielleicht sollten wir uns öfter an ein altes Sprichwort erinnern: „Daheim ist’s am schönsten!“ Sich stets daran zu halten, wäre angesichts der Sehenswürdigkeiten in unserem globalen Dorf aber wiederum auch ganz schön kleinkariert.